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Historische Eisenstraße

Eisenwurzen – Was ist das?
von Bertl Sonnleitner

Die Lage
Geographisch gesehen ist es jenes Gebiet im Dreiländereck Niederösterreich, Oberösterreich und Steiermark, dessen Ausdehnung früher etwa dem der vier Widmungsbezirke Scheibbs, Waidhofen an der Ybbs, Steyr und Windischgarsten entsprach, begrenzt im Westen von den Flüssen Krems und Traun, im Norden von der Donau, im Osten von der Erlauf sowie im Süden vom Hochschwab, den Eisenerzer Alpen und dem Pyhrn. Nie eine Einheit im politischen Sinn, bildete es dennoch einen umso geschlosseneren Wirtschaftsraum, der mit seiner Industrie die Versorgung Österreichs, ja weiter Teile Süddeutschlands, Böhmens, Ungarns, des Balkan und vor allem auch Russlands mit Eisenwaren aller Art ermöglichte.

Der Begriff
Woher der Ausdruck Eisenwurzen stammt, wissen wir nicht. Sicher ist jedoch, dass damit ursprünglich der steirische Erzberg gemeint war, bis man diese Bezeichnung später auf den oben genannten Bereich ausweitete. Sie jedoch immer nur auf das Innerberg (Eisenerz) zugewandte Gebiet bezog und damit bereits die weiter östlich gelegenen, über den Seebergsattel von Vordernberg her belieferten Täler etwa der Pielach oder der Traisen ausschloß. Viel poetischer deutet die Lunzer Dichterin Elisabeth Kraus-Kassegg diesen Namen: In einem ihrer Romane sieht sie den Erzberg als gewaltigen Baum, der seine Wurzeln weit um sich ausbreitet und in denen jene Säfte fließen, die der Stamm zum Leben braucht.

Die Historie
Widmung, das bedeutet Zueignung, Bestimmung, für etwas da zu sein - für sich daraus aber durchaus auch einen Nutzen ziehen zu können. Wie eben das Gebiet der nördlichen Eisenwurzen vermutlich überhaupt seine ehemalige Bedeutung dem Umstand verdankt, dass man auch von regierender Seite erkannte, wie wichtig es für die Versorgung der Menschen am Erzberg war. Als es daher notwendig wurde wegen der dort fehlenden bäuerlichen Struktur Nahrung zuzuführen, es andererseits aufgrund mangelnder Energieressourcen (Wasser, Holz) im 14. Jahrhundert zu einer Dezentralisierung der Arbeitsvorgänge kam und man Tätigkeiten etwa an die Enns oder die Ybbs verlegte, entstand eine Dreiteilung: Die Radmeister ergruben weiterhin das Erz und erschmolzen das Eisen, die bereits entfernter angesiedelten Hammermeister verarbeiteten es zu schmiedbarem Material, wogegen die meist von den Städten aus agierenden Händler als Zulieferer auftraten und auch den Vertrieb der fertigen Ware übernahmen. Wo man also künftig Eisen brauchte, gab es dafür Proviant. Das eine brachte man, Fleisch, Getreide, Wolle, Leinen, Most und Schmalz holte man, und so entwickelte sich jene Beziehung zwischen Berg und Umland, die für Jahrhunderte diese Landschaft prägte.

Anfangs mehr oder weniger von Angebot und Nachfrage bestimmt, später, als im 16. Jahrhundert genau abgegrenzte Gebiete zur Versorgung der Gegend um den Erzberg verpflichtet (gewidmet) wurden, streng geregelt, tauschte man also verarbeitbares Eisen gegen Verpflegung und Dinge des täglichen Bedarfs. Den vielen Hämmern schlossen sich Werkstätten an, nach Höhepunkten etwa im 16. und im 18. Jahrhundert folgten auch Tiefen, bis ab Mitte des 19. Jahrhunderts der endgültige Niedergang nicht mehr aufzuhalten war und nur die Tüchtigsten überlebten: Solche, die auch die beiden Weltkriege überstanden oder für welche die Zeit danach ein neuer Anfang war. Die neue, umweltverträgliche Betriebe errichteten, sich in der maschinellen Erzeugung anpassten und heute erneut der wirtschaftliche Rückhalt mancher Gemeinde sind.

Trotzdem, was vor über achthundert Jahren am Erzberg begann, verleiht noch immer der Landschaft ihren besonderen Reiz. Die Reste alter Hämmer und Schleifen erinnern ebenso wie die Namen von Bächen oder Tälern an diese Zeit. In der „Schwarz Lucken“ zum Beispiel, dort, wo die Kleine Ybbs entspringt, waren die Köhler zu Hause. Entlang ihres Oberlaufes, der „Schwarzen Ois“, brachten sie ihre Fuhren zu den Schmieden, bis die Verwendung anderer Brennstoffe die Erzeugung der Holzkohle nicht mehr einträglich machte. Und die „Schwarzen Grafen“, ein noch heute von der Tourismuswerbung gerne gebrauchter Ausdruck für den Geldadel in dieser Gegend, gab es auch: In Oberösterreich, wo das Sensenhandwerk blühte. Oder in der Steiermark unter den Rad- und Hammergewerken, also bei den Roheisen- und Halbfabrikaterzeugern, deren sichtbare Anerkennung durch den Landesherrn sich in zahl- reichen Adelsverleihungen manifestierte.

Am wenigsten gräflich lebten wohl die Schmiede in der übrigen Eisenwurzen. Sie verdienten oft wenig mehr als ihren Unterhalt und waren förmlich den für die Versorgung mit Rohmaterial sowie den Absatz ihrer Produkte allein zuständigen Proviant- und Eisenhändlern ausgeliefert. Erst Joseph II. hob deren Vorrechte weitgehend auf. Bis dahin hatte aber vielfach die Abhängigkeit, vor allem jene der kapitalschwächeren Meister, derart zugenommen, dass so manches Herrenhaus, wie die im Stil der Zeit gebauten, oft prächtigen Unterkünfte der Hammerherren hießen, in Wirklichkeit längst einem Verleger gehörte.

Nichts hat also diese Landschaft nachhaltiger geprägt, als das Eisen. Während jedoch in den gebirgigeren Tälern dessen Verarbeitung überwog, spielte das zur Donau hin gelegene flachere Land bei der Versorgung der um den Erzberg tätigen Menschen eine große Rolle. Hier bestimmten die Landwirtschaft, der Handel, das Treiben auf den Märkten das Leben der Bewohner. Bis, ja bis die große Wende kam. Vom Ausland billigeres Eisen eingeführt wurde, die Schifffahrt, die Schiene alles revolutionierte. Als anstelle der Hämmer Fabriken entstanden und man dem nichts anderes entgegenzusetzen hatte als die Hoffnung auf bessere Zeiten . . .

Wo immer nicht doch noch das Eisen, das Holz oder anderes die Bewohner ernährten, besann man sich daher in den letzten Jahrzehnten auf den im Urlaub außer Erholung auch Betätigung suchenden Gast. So locken heute im Sommer Wander-, Rad- und Themenwege, Wildwasser- sowie Mountainbikestrecken und im Winter der Schisport. Doch auch die Kultur kommt nicht zu kurz: In den Klöstern, Kirchen und Kapellen finden sich Schätze von der Gotik bis in unsere Zeit.

Eisenwurzen, was ist das heute?
In erster Linie ein Stückchen Land, das vom Los vieler anderer Industriegebiete verschont geblieben ist. Das mit seinem Schicksal haderte, als es glaubte, mit der Welt nicht mehr mithalten zu können, weil sich seine ehemalige Bedeutung hinausverlagert hatte nach Deutschland, Belgien oder in das übrige Europa – und das heute darüber glücklich ist. Es ist aber auch ein Land, das sich zunehmend mit seiner Vergangenheit beschäftigt und sie dort, wo es noch möglich ist, durch Restaurierung von Objekten, Anlegen von Sammlungen oder neue Pflege alten Brauchtums wieder lebendig werden lässt. Das sich bemüht, nicht nur seine prächtigen Bürgerhäuser in den Städten zu präsentieren, sondern auch deren wirtschaftlichen Hintergrund aufzuzeigen und für den Besucher erkennbar zu machen.

Und morgen?
In ehemaligen Hammerwerken sollen sich Interessierte an den Arbeitsmethoden der Schmiede erproben, und, wer möchte, etwa ihrer selbst fabrizierten Hacke eigenhändig den letzten Schliff geben können. Hammer und Amboss, die Tätigkeit am Feuer sollen nicht weiter Mystik oder Legende, sondern hautnahes wirkliches Erlebnis sein. Führer sollen den Besucher leiten, Museen ihn begeistern und ihn anhand neuer Techniken in die Vergangenheit dieser Region eintauchen lassen.

Wer dagegen wissen will, wie man damals gewohnt und wie man sich gekleidet hat, wo die Waren vertrieben und der Proviant eingekauft wurde, wen etwa das alte Maut- und Abgabenwesen entlang der historischen Wege interessiert, wer Informationen über wirtschaftliche Aspekte, bodenständige Blumen, Schmetterlinge oder Krippen sucht, soll in der „Schatzsuche Eisenstraße“ ebenfalls fündig werden. Wer immer Lust und Sehnsucht nach der Eisenwurzen hat, soll sie in ihrer ganzen Schönheit erleben können!

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