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Geschichte der Woche

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Vom Sauabstechen

Themenbereich: Geschichte

Kurzbeschreibung: Autobiografische Geschichte aus dem Mostviertel zwischen 1945-48.

Das Schlachten der Schweine war sozusagen eine Erntezeit. Durch das Schlachten gewann man die Früchte für den in Aufzucht, Fütterung und Pflege der Schweine gesteckten Aufwand. Beim sogenannten »Sautanz« konnte man diese Früchte in Form von geröstetem Hirn mit Ei, frischen Grammeln, grösteter Leber oder Nierndln und von Blut- und Leberwürsten direkt genießen. Der Verkauf oder die Ablieferung hingegen brachte zwar dem Bauern Geld ein, für die Hausleute hatte diese Einnahme nur eine indirekte Auswirkung. Noch lange Zeit nach dem Krieg sind die meisten Lebensmittel rationiert gewesen. Die Bauern haben für ihren Eigenbedarf ein bestimmtes Kontingent behalten dürfen, mußten aber eine genau vorgeschriebene Menge ihrer Erzeugnisse abliefern. Wollte ein Bauer eine Sau abstechen, so hat er es zeitgerecht melden müssen. Durch einen Fleischbeschauer wurde die Schlachtung genau kontrolliert. In den Geschäften hat man damals fast nichts bekommen, aber auf dem Schwarzmarkt hat es nahezu alles gegeben. Die inoffizielle Währungseinheit war nicht die Reichsmark, nicht das Besatzungsgeld und nicht der neue Schilling sondern Butter, Schmalz, Geselchtes, Grünschweinernes, Topfen, Mehl, Eier und Hühner. Meine Bäuerin hat beispielsweise bei einem Hamsterer für ein Kilo Schmalz eine neue Strukshose für mich eingetauscht. Eine Fahrradbereifung hat man nicht ums Geld sondern nur um Butter oder ein Geselchtes bekommen. Bei dieser Handelsform sind die Bauern mit dem Fleisch der angemeldeten Sau nicht ausgekommen. Deshalb hat es auf einem jeden Hof eine »schwarze Sau« gegeben. Zumeist hat beim Abstechen von einer angemeldeten Sau gleich eine »Schwarze« mitsterben müssen. Bei einem Nachbarn wurde in der Eile nicht aufgepaßt und deshalb gab es eine gerichtliche Verurteilung wegen Vergehens gegen das Bedarfsdeckungstrafgesetz. Der Fleischbeschauer hat gemerkt, daß alle zwei Sauhälften ein Schwanzerl gehabt haben. Aber eine zweischwänzige Sau hat es damals nicht gegeben und so kam der Hofstätter zu einer Vorstrafe. Beim Edtbauern mußte immer mein Cousin, der Lehenbauern- Hans die Schweine abstechen. Mit Kukurutzkörnern lockten wir die Sau aus dem Stall. Während des Fressens hat Hans den Schlachtschußapparat angesetzt und mit einem Pumps ist die Sau umgefallen. Seine spätere Frau, die damals noch die Edtbaun-Milli war, konnte aber kein Bluat sehen. War die Milli beim Abstechen dabei, so hat es immer Schwierigkeiten gegeben, auf deren Blutrünstigkeit ich nicht näher eingehen will. Trotzdem mußte sie bei jeder Schlachtung das Blut rühren, sonst hätte es keine Blunzen gegeben. Die abgestochene Sau ist in einen hölzernen Trog, in den »Sau-Ursch« gelegt worden. Den Schweinerücken haben wir mit Kolofonium und Holzasche eingestreut. Dann wurde das Schwein mit kochendem Wasser überschüttet.. Mit Löffeln haben wir die »Walhaut« und die Borsten abgekratzt. Einmal hatte die Sau noch einen Lebensfunken in sich. Als das kochende Wasser über ihren Rücken floß versuchte sie mit letzter Kraft sich aufzubäumen. Dabei rann mir das kochendheiße Wasser auf meine Füße. Meine Holzschloapfn und Schafwollsocken waren brennheiß und dö Blasen haben mich noch lange an diesen »Schweinemord« erinnert. Nach dem Putzen wurde die Sau bei den Hinterläufen an zwei Pfosten aufgehängt, damit sie ausgehackt werden konnte. Die grausliche Arbeit des Darmputzens mußten die Frauen in der Küche machen. Das Schönste bei einem solchen »Sautanz« waren die frischen Innereien die auf den Tisch kamen. Überaus wichtig waren damals die »Fettsau«. Fett war rar und das Schmalz war ein wichtiger Schwarzhandelsartikel. Bei einer Fett- oder »Schmalzsau« war die meiste Arbeit das Schmalzauslassen. Die Männer schnitten Filz und Speck zu kleinen Würfeln und die Frauen standen am Herd und ließen das Schmalz aus. Die Grammeln und das Grammelschmalz waren eine beliebte Jause. Gefriertruhen hat es damals noch nicht gegeben. Darum hat man einen Teil des vorgebratenen Fleisches in Schmalz eingelegt Das meiste Fleisch is eingesurt und geselcht worden. Leberpastete wurde in Rexgläsern eingeweckt oder mit der Konservenmaschine in Blechdosen eingeschlossen. Blunzen und Hauswürste sowie der Speck wurden geselcht. Beim Hofbauern haben wir einmal eine kleine Sau abgestochen, ohne daß der Bauer etwas gemerkt hat. Der Hofbauer ist sehr gern und oft beim »Loamhäuslwirt« eingekehrt. Nach solchen Ausflügen war sein Mundwerk nicht mehr ganz dicht. Deshalb haben wir einmal, wie der Hofbauer beim Loamhäuslwirt war, eine kleine »schwarze« Sau gleich im Stall gestochen. Ich hab ihr mit dem Mösl einen Schlag aufs Hirn gegeben. Der alte Franz hat sie mit einem geschliffenen Bajonett gestochen. Das Blut haben wir in die Adlgruabm geschüttet und in der Saukuchel haben wir in ein paar Stunden die Sau aufgearbeitet gehabt. Zur gleichen Zeit wurde beim Lehenbauern eine offizielle Sau gestochen. Dadurch haben wir eine Begründung dafür, daß es eine frische Leber und Nierndln gegeben hat.

Eingesandt von Franz V.E. Ginner, Mödling.

 


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