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Geschichte der Woche

Ansprechpartner: Stefan Hackl


Nachkriegserinnerung

Themenbereich: Geschichte

Kurzbeschreibung: Gesprächsrunde Lunz am See zum Thema „Rund um das Kriegsende 1945“ Gisela BUDER, geb. 1924 in

Wir bewohnten damals ein Haus am „Steingrabenkreuz“, es gehörte zu Lackenhof. Schon im Winter kamen die ersten Flüchtlinge und baten um Essen und Quartier. Es waren Soldaten, die ihre Einheit verlassen hatten und in den Westen wollten, aber auch Ausländer (Ungarn, Ostarbeiter), die sich in ihre Heimat durchschlagen wollten. Da unsere Stadeltür nicht versperrt war, nächtigten auch einige „unangemeldet“. Wir fanden dann öfter Uniformstücke auf dem Heuboden. Dafür fehlten die Zivilkleider unseres gefallenen Bruders aus der anschließenden Dachkammer, die auch unversperrt war. Einmal fand ich eine schwarze SS-Uniform, aus der ich mir einen wunderschönen Trachtenjanker schneiderte. Es war der 28. April. Ich wollte nach Kienberg zur Bahn gehen. Auf meinem Weg kam ich in die Nähe eines Forsthauses, das damals von Flüchtlingen aus der Wiener Umgebung bewohnt war. Ich hörte Schreie, Kommandorufe und sah drei Soldaten über den Hof in den Wald flüchten. Ein Mann mit Gewehr rannte ihnen nach und schoss. Ich wollte wissen, ob jemand getroffen worden war, ging näher und sah einen Soldaten tot auf dem Boden liegen. Die zwei anderen hatten flüchten können. Auf meine Frage, warum er den Soldaten erschossen hätte, antwortete der Mann: „Das musste ich tun, das sind Vaterlandsverräter.“ Weinend vor Wut und Schmerz ging ich wieder heim. Man hat dann erfahren, dass der Soldat im Wald verscharrt worden war - aber so schlecht, dass ihn ein Tier (wahrscheinlich ein Fuchs) an den Beinen angebissen hat. Nach Kriegsende meldete ich diesen Vorfall. Jener Mann, der den flüchtenden Soldaten erschossen hatte, musste ihn ausgraben. Der Soldat wurde am Lackenhofer Friedhof bestatt. Das Kriegsende kam immer näher. Die Zahl derer, die in die Wälder flüchteten, wurde immer größer, weil sie sich auf den Straßen nicht mehr sicher waren. Wir hatten daheim kein Radio, auch Zeitungen gab es keine mehr. Wir waren teilweise nur auf die Meldungen der Flüchtlinge angewiesen - und die waren sehr widersprüchlich. Zu essen fand sich in unserem Haus manchmal überhaupt nichts mehr. Die ersten Russen sah ich dann viel später. Am Pfingstmontag gingen meine Leute in die Kirche, und ich war alleine zu Hause. Plötzlich standen zwei riesengroße Russen in der Tür, schossen auf unseren Hund, und einer drängte mich in die Kammer. Wie es mir gelang, vor ihm durch das halb geöffnete Fenster zu flüchten, das konnte ich mir nie erklären. Es müssen da eine ganze Reihe Schutzengel dazwischen gestanden sein. Wir konnten uns an die Russen nicht gewöhnen, wir hassten sie. Erst viel später begriff ich, dass eine Besatzungsmacht keine „Heilsarmee“ ist. Dieser Bericht nimmt sich sicher harmlos aus im Vergleich zu anderen, die ein unvorstellbares Schicksal erlitten haben. Aber er soll aufzeigen, wie sich die letzten Kriegsereignisse auch bis in die hintersten Wälder ausgewirkt haben. Quelle: „... Damit es nicht verloren geht ...“ Herausgeber: Gesprächsrunde Lunz am See, Autorenteam: Frida Ritzinger und Dr. Herbert Krückel, Verleger: Dorferneuerungsverein Lunz am See, 1997

Eingesandt von Gisela Buder.

 


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